Hallo Leute! Als ein in die Jahre gekommener Live- und Tischrollenspieler, dem immer weniger Zeit für sein Hobby bleibt, durchlebt man immer wieder extreme Phasen, in denen man vor Entscheidungen wie "Laß' ich den ganzen Zirkus überhaupt?" oder "Geldverdienen ist nicht alles, yihaaaa, ich geh' zum Orkgemetzel!!" steht. Vielleicht ist Euch ja auch aufgefallen, daß der alte Pjotr nicht mehr soviel in der Szene mitmischt wie früher. Wie dem auch sei, mir ist etwas eingefallen, wie ich ein Ventil für die in mir wabernden Dämonen (die gerne 24 Stunden am Tag rollenspielen würden) schaffen kann und vielleicht gleichzeitig einen kleinen Beitrag für das österreichische Live- und Tischrollenspiel leiste. Neben Mikes Artikel in den letzten Offenbarungen ("Quo vadis, Codex?", S.16) ist mir auch aus anderen Quellen ein Raunen an die Ohren gedrungen, was die Spielbarkeit unseres neuen Regelwerkes betrifft. Bei weitem will ich hiermit nicht in den Chor der destruktiven Kritiker mit einstimmen und das Credo "Früher war ja alles so viel besser!" mitjohlen. Nein, vielmehr liegt es mir daran, daß die Leute wieder miteinander reden, Meinungen austauschen, um somit alle Fürs und Widers gegeneinander abzuwägen und daraus etwas zu destillieren, das alle unsere Erwartungen erfüllt und zudem einfach und spielbar bleibt.
Falls jetzt irgendwer denkt: "Oh je, schon wieder einer, der das Rad neu erfinden will," oder "Da schau her, der Codex 3 kündigt sich an," dem muß ich entgegnen: "Falsch gedacht!" Weder fühle ich mich berufen, Euch mit Regelvariationen zwangszubeglücken, noch will ich Chris Hotzy sein Ruder aus der Hand reißen, was die Codexerstellung betrifft. Vielmehr will ich seiner Bitte um konstruktive Kritik nachkommen und so etwas wie ein Forum ins Leben rufen, in dem jeder seine Vorstellungen und Wünsche einbringen kann und Ungereimtheiten ausdiskutiert werden. Wo wir innovativ Lösungen maßschneidern können, ohne uns lauwarmen Einheitsbrei vom "Deutschen Vorbild" aufs Aug' drücken lassen zu müssen. Meine Aufgabe sehe ich dabei darin, Gedankenanstöße zu liefern (und niemand kann mir vorwerfen frei von anstößlichen Gedanken zu sein), welche ich als Diskussionsgrundlagen in Form von Aufsätzen in den Offenbarungen oder ggf. (wenn sich diese als zu umfangreich gestalten) im Internet (oder auf den Offenbarungen beigelegten Datenträgern) publiziere. Jeder der mag ist dazu aufgefordert, seinen Senf dazu zu geben, und wenn sich aus dieser Meinungsvielfalt eine Lösung herauskristallisiert, ist die Rechnung aufgegangen.
Einer der Hauptkritikpunkte in Mikes Artikel war die unüberschaubare Flut an neuen Zaubersprüchen, die der Codex II über uns ergießt. Dies zum Anlaß nehmend widme ich meinen ersten Essay einem altbekannten Zauberspruch, der mir seit jeher Kopfzerbrechen bereitet hat, weil er so viele Fragen offen läßt, die wir hoffentlich gemeinsam ausdiskutieren und vielleicht sogar beantworten können.
Wer kennt nicht Szenen, in denen findige Spieler mithilfe dieses Zauberspruches einen argen Hinterhalt auf ihre Gruppe vereiteln konnten, indem sie einen gefährlich wirkenden Hohlweg im Mantel der Unsichtbarkeit auskundschafteten? Doch was steckt nun genau hinter diesem Zaubertrick? Wie ist es zu schaffen, daß jemand etwas nicht sehen kann, das sich genau vor seiner Nase befindet? Manch einer mag sagen, daß dies spieltechnisch nicht relevant ist und Magie keiner Erklärung bedarf, vielmehr wäre die Wechselwirkung von Unsichtbarem auf sichtbare Materie interessant. Nichtsdestotrotz will ich mich mit beiden Seiten der Problematik beschäftigen und versuchen, die Mechaniken des Unerklärlichen ein bißchen zu durchleuchten, denn "unsichtbar" ist nicht gleich "unsichtbar". Jeder Student verschiedener Rollenspiel-Regelwerke wird mir beipflichten: So man bei einem AD&D™-Abenteuer mit Sack und Pack unsichtbar wird, muß man meines Wissens in Aventurien (DSA™) im Adamskostüm durch die Gegend flitzen, wenn man nicht gesehen werden will (kein Wunder!!!). Zur Möglichkeit unsichtbar zu werden sind mir drei verschiedene Methoden eingefallen (was nicht heißen muß, daß es nicht noch etliche mehr gibt - bitte um Input!):
Im Zuge meiner Recherche kamen mir auch noch andere (meines Erachtens mehr oder weniger unbefriedigende) Erklärungen zu Ohren. So z.B. daß einen die elementare Ebene der Luft (die Dich ständig umgibt) verbirgt. Doch verwarf ich diese Erklärung mangels einer genauen Definition dieser elementaren Ebene, respektive der logischen Schwierigkeiten, die bei Regen oder unter Wasser auftreten würden. Eine weitere (grenzwissenschaftliche) Erklärung wäre, wenn der gesamte Körper zu einer Lichtquelle umfunktioniert würde, die unsichtbares Licht (ultraviolett oder infrarot) ausstrahlt. Doch ging ich auch dieser Methode nicht weiter nach, da lt. wissenschaftlicher Meinung das Ergebnis kein unsichtbarer, sondern ein schwarzer Körper sein würde. Die dritte verworfene Theorie ist die des Dimensions-Shiftings à la Philadelphiaexperiment, bei der ich (in der Quantenphysik unbewandert) nur soviel kapierte, als daß es eine höchst unwahrscheinliche Variante darstellt und neben der visuellen Form auch die physische Materie verschwinden würde. Der geneigte Leser mag sich seine eigene Meinung bilden: http://www.keelynet.com/unclass/invisi.htm.
Ein Eingehen auf diese eher trockene und scheinbar regelirrelevante Materie ist daher nötig, da unterschiedliche Methoden der Unsichtbarkeit in anderen Antworten aus Fragen resultieren, die (wie ich bereits erwähnte) mir nicht aus dem Kopf gehen wollen: Ist ein unsichtbarer Vampir vom Sonnenlicht betroffen? Sind unsichtbare Pflanzen fähig zur Photosynthese oder würden sie langsam sterben (interessant bei Baumherren/Ents)? Kann ein Unsichtbarer geblendet werden? Können Lichtquellen (z.B. Feuer) unsichtbar gemacht werden? Wie reagiert ein Unsichtbarer auf Unsichtbares (kann er sich die Augen zuhalten)? Werden von Unsichtbaren verlorene Blutstropfen (oder abgelegte Gegenstände) sichtbar? Sehen Unsichtbare andere Unsichtbare? Wie würde ein Mantel der Unsichtbarkeit im Gegensatz zu einer Salbe der Unsichtbarkeit funktionieren? Wäre ein Ring der Unsichtbarkeit selber unsichtbar, auch wenn er nicht gerade getragen wird? Wäre z.B. eine unsichtbare Rüstung möglich, die den Träger jedoch nicht unsichtbar macht? (Schlau, gell? So spart man sich mit ein paar Pantomimentricks das teure Kettenhemd für LARPs und ist trotzdem geschützt! Bei der Reparatur derselben könnten jedoch Probleme auftreten.) ........
Obwohl der Sehsinn bei humanoiden Lebensformen wohl zum wichtigsten Wahrnehmungswerkzeug zählt, ist es bei weitem nicht die einzige Form, sich in seiner Umgebung zurechtzufinden. In der Tierwelt findet man viele Spezies, deren Augen unterentwickelt sind, die jedoch diesen Nachteil mithilfe eines anderen, höher entwickelten Sinns mehr als wettmachen. Das Echolotsystem der Fledermaus, der ausgeprägte Geruchssinn von Hunden, Bären und Schweinen oder die Stubenfliege, die elektromagnetische Felder in der Luft wahrnehmen kann (- Habt Ihr übriges gewußt, daß Facettenaugen von Insekten die Wellenlänge für Rot nicht wahrnehmen können? So hätte der Rote Ritter gegen die Monsterkakerlake von Haus aus einen nichtmagischen Vorteil der Unsichtbarkeit. -) seien nur einige Beispiele dafür. Auch könnte man die weiterentwickelte Form des 6. Sinns als Art der Wahrnehmung definieren, die den Gesichtssinn zu ersetzen in der Lage wäre (Geistiges Auge oder ESP = extra-sensory perception). So könnten mit diesen Sinnen ausgestattete Wesen Unsichtbare ohne Probleme orten und nach Belieben ärgern oder fressen. Es gibt manche Rollenspiel-Regelsysteme, die Unsichtbarkeit zusätzlich mit Unhörbarkeit, nicht wahrnehmbarer Wärmestrahlung, Unriechbarkeit u.ä. ausstatten, was ich hiermit auch zur Diskussion stellen möchte.
Wie reagiert jemand mit "Infravision", "Magischem Gespür", "Zauber Erkennen", "Ausgeprägtem Geruchssinn", "Aurasicht", "Wahrheitsblick", "Gedankenlesen" oder "6. Sinn" auf Unsichtbare? Vielleicht ist es dumm ein Thema wie dieses so zu zerpflücken, doch würde es mir (und mit Sicherheit auch Rollenspiel-Novizen) leichter fallen, auf die Kollegen mit der weißen Schleife korrekt zu reagieren.
3. Optische ("echte") Unsichtbarkeit
Wie bereits vorweggenommen, bewirkt dieser Zauber, daß die guten alten Lichtstrahlen Dich umfließen oder durch Dich hindurchgehen, ohne sich an Dir zu reflektieren oder Dich zu treffen. Wäre es auch für "Nosferatus Erben" der ideale "Sunblocker" und der Todesstoß gegen Pflanzenwesen, hat diese Variante jedoch einen gewaltigen Haken. Trifft absolut kein Licht auf Dich, könnte es auch nicht vom Auge gebündelt auf die Netzhaut treffen und somit ein Bild in Deinem Gehirn erzeugen. Du bist blind! Um diese fatale Nebenwirkung zu umgehen, könnte man die Augen sichtbar belassen, was die Unsichtbarkeit nur vollständig macht, wenn man die Augen schließt (oder ist das nicht möglich, weil die Lider unsichtbar sind?). So wären zwei schwebende Augen (oder zumindest Pupillen und Netzhaut) das Einzige, was von Dir übrig wäre (ganz nett, wenn man auf Horror-Auftritte steht). In Verbindung mit anderen Arten von Unsichtbarkeit (suggestive oder illusionistische) kann man jedoch auch dieses kleine Manko wegdefinieren (diese Hybridform stellt wohl die gangbarste Variante der optischen Unsichtbarkeit dar). Unsichtbare Lichtquellen würden in dieser Variante weiterhin sichtbar Licht spenden, während ein Blenden des Unsichtbaren nur bei "ausgesparten" Augen funktionieren würde. Der Unsichtbare wirft auch keinen Schatten. Eine weitere, mächtige Variante wäre komplette optische Unsichtbarkeit gekoppelt mit einer alternativen Form der Wahrnehmung (z.B.: ESP), doch ist das in Wirklichkeit ein Freibrief für alle Vampire und Schattenwesen, ihre Geschäfte auch auf den Tag auszudehnen. Zudem wäre eine Erhöhung der Spruchkosten vonnöten, so Unsichtbarkeit in dieser Form auch als Angriffsspruch eingesetzt werden kann, da man mit partieller Unsichtbarkeit auf die Augen des Gegners gesprochen diesen effektiv zu blenden vermag.
4. Suggestive (hypnotisch-psychomantische) Unsichtbarkeit
Dies ist eine Form der Unsichtbarkeit, die wohl von Psychomanten (Zauberkundige mit Schwerpunkt auf Beeinflussungszaubern) oder von Psionikern und Telepathen praktiziert wird. Sie suggeriert allen Anwesenden, daß das durch das Auge übermittelte, in ihrem Gehirn entstandene Bild nicht der Wahrheit entspricht, und korrigiert diese Gehirnmuster bei Bedarf bzw. verhindert, daß die Betroffenen überhaupt in Richtung des Unsichtbaren blicken. Reine Suggestive Unsichtbarkeit hat nur Sinn, wenn man selbst den Vorteil "Eiserner Wille" hat, um sicher zu sein, daß man auch ebenso willensstarke Gegner von seiner Abwesenheit überzeugen kann. Da es sich hierbei um multiple Penetration des Bewußtseins von Individuen handelt (was sicher keine leichte Übung darstellt), läge auf der Hand, fairerweise einen Schlüssel des Manaverbrauchs bei mehreren Betroffenen einzuführen (ein Opfer ist immerhin leichter zu beeinflussen als eine vielköpfige Menge). Andererseits sollte man zugunsten der Spielbarkeit und der Einfachheit halber vielleicht doch davon absehen... Eine weitere Erklärung, wie unser Telepath diesen Trick vollführen kann, wäre, das Gehirn der Beeinflußten gegen sie selbst zu benutzen, indem ein Befehl alles, was mit dem Unsichtbaren zu tun hat, aus deren Wahrnehmung herausfiltert. Die suggestive Form der Unsichtbarkeit hätte den Vorteil, nur für ausgewählte Individuen unsichtbar sein zu können (so kann man Leute in den Wahnsinn treiben: "Seht Ihr ihn nicht? Den häßlichen Clown, der mir immer Fratzen schneidet...?"), da man uneingeschränkte Kontrolle über das visuelle Sensorium der Betroffenen hat. Es wäre auch plausibel, kurzfristig für einen Auserwählten sichtbar zu werden, um anschließend wieder zu verschwinden, ohne den Zauber erneut sprechen zu müssen. Suggestive Unsichtbarkeit ist sicher eine reizvolle Variante für Tischrollenspielrunden, doch wäre das Handling für ein Live eindeutig zu kompliziert (Du siehst mich nicht, aber Du und Du und Du...). Der Betroffene sieht, was ihn sein Beherrscher sehen lassen will (so spielen mitgeführte Lichtquellen keine Rolle); hoffen wir, daß er auch an seinen Schatten und ev. an Reflektionen seiner Selbst in Spiegeln, Fenstern oder blanken Schwertklingen denkt, sonst fliegt die ganze Tarnung auf.
5. Illusionistische (photokinetische) Unsichtbarkeit
Während man bei den vorangegangenen Arten der Unsichtbarkeit geschickt den Lichtstrahlen ausweicht, respektive den Betrachter bezaubert, handelt es sich bei dieser Variante um ein krasses Eingreifen in das Gefüge der Realität. Der Illusionist (per Definition ein Magier, der sich mit der Natur von Licht, Schatten und Schall beschäftigt und diese auch zu verändern vermag) oder Photokinet (sein psionisches Gegenstück - ohne die Befähigung mit Tönen zu jonglieren) modifiziert die auf ihn treffenden Lichtstrahlen, so daß sie ein Bild ohne ihn wiedergeben. Zweifelsohne eine virtuose Leistung, gibt man zu bedenken, daß er dies in Lichtgeschwindigkeit machen müßte (sein Spitzname ist Pentium 300 000 km/s), doch mithilfe von Magie (jener unfaßbaren und unerklärlichen Variablen) wird er das wohl schaffen. Der Haken bei dieser Methodik ist, daß das Licht tatsächlich reflektiert wird und unser unsichtbarer Illusionist als einziger einen sichtbaren Schatten wirft. Doch da wir es mit einem Meister der Transmutation von Lichtwellen zu tun haben, würde eine Ausdehnung des Spruches auf den geworfenen Schatten plausibel erscheinen. Mitgeführte Lichtquellen würden somit gleichfalls in der Wellenlänge geändert und es wäre z.B. möglich, einen Feuerelementar unsichtbar zu machen, ohne wie bei Punkt 4 in den Geist eines jeden Beobachters eindringen zu müssen. Als Fazit wäre wohl diese Art der Unsichtbarkeit für rollenspieltechnische Zwecke die stimmigste, grenzwissenschaftlich jedoch die unwahrscheinlichste.
Natürlich kann man sich auch eine Hybride Unsichtbarkeit aus diesen drei (und vielleicht auch noch aus anderen) Varianten basteln, doch finde ich es wichtig, daß eine Form für den Codex festgelegt wird, um Mißverständnisse zu vermeiden. Doch kommen wir nun zu den wichtigen Facts und Figures der Unsichtbarkeit, die unverzichtbar festgelegt werden sollten.
6. Wechselwirkungen, Wirkungsbereich und Dauer
Da wohl niemand in einem Liverollenspiel darauf Wert legt, sich nackt auszuziehen, um in den Genuß von kompletter Unsichtbarkeit zu kommen (nur um von versammelter Gemeinde "out of character" angestarrt zu werden), will ich diese Variante, die ich schon eingangs als DSA-Modell bezeichnete, gleich vom Tisch kehren (obwohl es in einer Tischrollenspielrunde durchaus seine Reize hätte). Ergo definieren wir den Wirkungsbereich der Unsichtbarkeit als Aura um den gesamten Körper des Betroffenen, welche dessen Kleidung und Ausrüstung miteinbezieht. So, ein Punkt geklärt, bleibt nur noch zu bestimmen, ob die Unsichtbarkeit des Betroffenen "ansteckend" ist. Sprich: Wird ein vom Unsichtbaren genommener Gegenstand auch unsichtbar, oder nur wo er diesen berührt? Wenn ja, wird er wieder sichtbar, wenn er diesen ablegt? Wenn nein, kann er diesen unsichtbar machen, indem er ihn unter seinem Mantel versteckt? Bleibt ausschließlich alles unsichtbar, was beim Sprechen des Zaubers als Unsichtbar definiert wurde, bis die Wirkung des Spruches erlischt, oder werden verlorene Gegenstände, Blutstropfen, abgelegte Jacken und abgeschnittene Gliedmaßen sichtbar? Wie sieht es mit Speisen und Getränken aus, die im Zustand der Unsichtbarkeit eingenommen werden? Sieht man diese, wie sie sich ihren Weg durch das Verdauungssystem des Getarnten bahnen, und verblassen sie bei zunehmender Zersetzung? Hat der Unsichtbare die Befähigung, die Wirkung seines Spruches nach Belieben auszudehnen? Wenn ja, kostet ihn das Manapunkte? Ist frisches Blut auf einem unsichtbaren Breitschwert sichtbar? Käme jemand auf die Idee, einen Platz an dem er einen Unsichtbaren vermutet mit einer Packung Mehl zu bombardieren, würde das den Unsichtbaren berührende Mehl sofort verschwinden, oder den Standort des Übeltäters preisgeben? Verhält es sich ebenso, wenn der Unsichtbare - dessen ungewahr - von einer Mehlschwade getroffen wird, da hinter ihm einem Bäcker ein Sack dieser Substanz aufplatzte? Wobei jedoch in jedem Fall Fußabdrücke im Mehlstaub (genauso wie in Matsch, Schnee, hohem Gras o.ä.) zu sehen wären (oder wir haben es mit einem Illusionisten zu tun, der das Aussehen der Mehlspur kurzfristig korrigiert bzw. ein Telepath suggeriert uns, daß wir das ganze sowieso nicht sehen).
Ihr seht also, daß ein so "alltäglicher" Zauberspruch ganz schön viele Fragen aufwerfen kann. Ich hoffe also, durch Eure tatkräftige Mithilfe ein funktionierendes Codex-Modell für Unsichtbarkeit schnitzen zu können. Für Leute die's interessiert, gibt's im Internet eine nette Metapher auf diese Problematik, in der ein Zwerg und ein Humpen Bier eine maßgebliche Rolle spielen: http://tale.com/edit-970126.phtml.
Zur Dauer des Spruches wird meistens definiert, daß man so lange unsichtbar bleibt, als man keine aggressive Handlung gegen seine sichtbare Umwelt vollführt. Bleibt somit nur festzulegen, was als besagte "aggressive Handlung" zu verstehen ist: Kann man die Trinkgefäße einer versammelten Tafelrunde vergiften, ohne den Schutz der Unsichtbarkeit zu verlieren, während man sofort sichtbar würde, wenn man gedankenverloren einen Stein aus dem Weg kickt oder zufällig jemandem auf die Zehen tritt? Ist Konzentration nötig, um den Spruch aufrecht zu erhalten, oder gibt es unsichtbare Schläfer und Bewußtlose? Gibt es Unsichtbarkeit post mortem ("Also, in meinem Quartier stinkt es fürchterlich, aber ich kann nichts finden...")? Kann man, während man unsichtbar ist, andere nicht aggressive Zauber sprechen (z.B. Infravision, um anderer Unsichtbarer im Raum gewahr zu werden, denn nur in den seltensten Fällen sehen Unsichtbare ihresgleichen), ohne dabei seiner Tarnung verlustig zu werden? Wie gesagt, hier gibt es einige Nüsse zu knacken!
Der Vollständigkeit halber hier noch einige Bereiche, die das Thema Unsichtbarkeit tangieren.
7.1. Das immer mehr an Beliebtheit gewinnende Astralwandeln ist scheinbar eine weitere Form der Unsichtbarkeit und wert, einige Gedanken darüber zu verlieren. Zumindest wie ich es mir vorstelle (was keinesfalls impliziert, daß andere Spielleiter diese Fähigkeit nicht ganz anders definieren - es wär' jedoch klass', wenn wir hierbei auch auf eine allgemeingültige Variante hinarbeiten könnten). Astralwandeln ist vielmehr eine Projektion des Geistes, während unser Körper irgendwo in Stasis liegt, verwundbar und dem Tode nahe. Die Verbindung der beiden getrennten Vitalkomponenten bildet der sogenannte "Silver Cord", welcher eine Rückkehr in den eigenen Körper möglich machen soll. Bei Beschädigung oder Abtrennung dieser "Nabelschnur" ist der Geist orientierungslos im Astralraum gefangen (übrigens kann mir jemand den Unterschied zwischen Astralraum und Äther erklären?) und er kann sich entscheiden, ob er eine Karriere als untoter, unsichtbarer Geist einschlagen oder gleich zu den Ahnen abreiten will. Als Geistwesen (mit oder ohne Cord) kann man mit der materiellen Welt nicht in Verbindung treten oder diese beeinflussen. Obwohl nicht-materielle Untote hierfür Methoden gefunden haben: Besessenheit, Ektoplasma-Manifestationen, die für geisterhafte Sichtbarkeit, akustische Verständigung bis zu teilweisen Materialisierungen in der physikalischen Wirklichkeit sorgen etc. Wir gehen davon aus, daß Lebende (Spieler) nicht über solche Fähigkeiten verfügen, da sie dadurch halbgottähnlichen Status erreichen würden und einen Plot niederwalzen könnten wie ein brünftiges Wollmammut. Sehr wohl können Astralreisende jedoch mit anderen Wesen im Astralraum kommunizieren und diese beeinflussen. Auch betreffen im Astralraum gesprochene Zauber nur diesen. Ev. können materielle Charaktere mit "6. Sinn" o.ä. von im Astralreich gesprochenen Dweomern beeinflußt werden (jedoch nie in voller Stärke). Dies würde Astralwandler, wenn sie als Geistprojektionen Auren und die materielle Wirklichkeit sehen können, zum perfekten "Peeping Tom" prädestinieren, da sie selbst Unsichtbare (in der materiellen Ebene) sehen könnten. Dementsprechend kann man die Spruchkosten im Vergleich zu Unsichtbarkeit locker verdoppeln. Doch sollte der Astralraum ein gefährlicheres Pflaster sein, als der sichere Spionage-Hochstand, als der er von vielen Liverollenspielern (speziell bei deutschen Cons) benutzt wird. Astrale Monsterbegegnungen und eine Zeitbeschränkung (in der man zu seinem Körper zurückkehren muß) sollten diese Spaziergänge etwas aufregender gestalten. Der Astralraum ist sicher ein noch unentdecktes Land (wert eines eigenen Essay), doch ein eindeutig zu mächtiges und gleichgewichtstörendes Werkzeug in Spielerhänden, wenn alles erlaubt ist. Darum: Astralwandler können nur beobachten, nicht in materielle Geschehnisse eingreifen (vielleicht nur durch Hilfe aus ebendieser materiellen Welt mittels einer Seance). Ein Tip: Schützt Euren zurückgelassenen Körper!
7.1.1. Eine ähnliche Wirkung erzielt auch der AD&D™-Spruch "Zauberauge" (siehe dort) und entspricht rollenspieltechnisch in etwa einer "sicheren" Methode des Astralwandelns, ohne den Vorteil, Unsichtbares und Astralwandler zu erkennen.
7.2. Chamäleon: ein unsichtbarkeitsähnlicher Zustand bei der sich die Oberflächenstruktur und -färbung des Betroffenen der Umgebung anpaßt. Dies entspricht einer abgeschwächten Form der Illusionisten-Variante (Punkt 5) und sollte (falls verwendet) von den Manakosten deutlich günstiger ausfallen, da folgende Einschränkungen zum Tragen kommen: Um nicht gesehen zu werden, müßte man sich nahe am Boden oder an Wänden aufhalten und sich nur langsam bewegen, da (wie bei der namensgebenden Echse) eine "Anpassungsverzögerung" denkbar ist. Im Gegensatz zur echten optischen Unsichtbarkeit ist man in Chamäleonform normal den Gesetzen des Lichts unterworfen und wirft auch einen Schatten.
7.3. Schattenform: Als Erklärung für diese Tarnungsform könnte die in der Einleitung erwähnte UV- bzw. IR-Lichtquellen-Variante herhalten. Nüchtern betrachtet, handelt es sich hierbei um eine abgespeckte Form der Unsichtbarkeit, die nur im Halbdunkel oder bei Ruhigverhalten in einem Schattenbereich funktioniert, was diesen Spruch hervorragend als Zusatzversicherung bei nächtlichen semi-legalen Operationen prädestiniert. Er hat den Vorteil, daß selbst wenn man gesichtet wird die Gesichtszüge nur schemenhaft erkennbar sind und so die Identität des Schattens verborgen bleibt.
7.4. Scrying: Seit Tolkien ein Klassiker der Fantasy-Literatur ist die Beobachtung mittels einer Kristallkugel oder ähnlichen überwachungstechnischen Artefakten, hier aufgeführt, da in einem Live ein dermaßen Beobachtender ähnlich einem Unsichtbaren im Gelände herumspazieren könnte, ohne spieltechnisch wirklich anwesend zu sein. Da es hierbei kaum vorkommen wird, daß Spieler die Beobachter sind, ist es nur wichtig zu betonen, daß betroffene Spieler mit "6. Sinn" oder "Gespür für Magie" sich beobachtet fühlen. Es gilt für Scryer (wie auch schon bei Astral-Spannern - Punkt 7.1.): Beobachten, aber nicht eingreifen!
7.5. Gasförmigkeit: Auch eine Möglichkeit sich "unsichtbar" zu machen, vorausgesetzt man wählt ein farbloses Gas (muß nicht unbedingt geruchlos sein, da es manche Magier vorziehen, mit Schwefelgeruch zu verschwinden), in das man sich verwandelt. Gasform hat den Vorteil begrenzter Unverwundbarkeit (vor normalen Waffen) und in Ritzen und Spalten sickern zu können, um sich an einem sicheren Ort (z.B. vermauertes Zimmer) wieder zu materialisieren. Gerechterweise sollte jedoch (meiner bescheidenen Meinung nach) ein Windstoß-Spruch bei gasförmigen Kreaturen Schaden verursachen. Wie man als Gas seine Umgebung wahrnimmt ist mir selbst ein Rätsel, doch gestehe ich einem Gasförmigen zu, sich in eine beliebige Richtung zu bewegen, vorausgesetzt es herrscht nicht allzuviel Gegenwind. Bei der mutmaßlichen Einschränkung der Wahrnehmung sind wohl die einzigen Dinge, die ein Gasförmiger machen kann: Sich bewegen (ev. mit geschlossenen Ohren und Augen) und sich gegebenenfalls wieder materialisieren.
Noch einmal Resümee ziehend, hier eine (wahrscheinlich unvollständige) Checkliste der strittigen Auswirkungen und Charakteristiken von Unsichtbarkeit:
Wer jetzt noch eine inspirative Einstimmung braucht, wie er einen Unsichtbaren in einem Live (zusätzlich zum Hochhalten von weißen Stoffetzen) darstellen soll, dem sei ein kurzes Gedicht von einem gewissen Stormchaser ans Herz gelegt:
http://www.iit.edu/~phillips/personal/grammary/nosee2.html .
So, das war mein erster Versuch einer Abhandlung über ein Thema, das schon lange in mir brodelt. Laßt mich wissen, ob Euch dieses Forum sinnvoll erscheint oder ob es Eurer Meinung nur eine sinnlose Hirnwi.....ei eines alternden Rollenspielers ist - womit sich der Kreis schließt.
Weitere Diskussionsthemen, die in mir schlummern: "Gut und Böse, sind Gesinnungen wirklich sinnvoll?", "Necrologica Vampyrensis", "Warum gibt es Werwesen?", "Götter und ihre Priester", "Verbrechen und deren Ahndung im Liverollenspiel"... Schreckt auch nicht davor zurück, Eurerseits Themen zur Sprache zu bringen, die Euch bewegen. Mir jedenfalls bereitete dieser Zeitvertreib (d.h. über komplett hypothetische und unsinnige Dinge nachzugrübeln) ein diebisches Vergnügen!