Natürlich wäre es lustiger, wenn Peter Zillinger in Wams und Strumpfhosen daherkäme. Und zwar im echten Leben. Aber nur weil sich zwei Drittel der Menschheit zuerst einmal an den Kopf greifen und dann viel sagend grinsen, wenn Zillinger zu erzählen beginnt, muss der Softwareentwickler im Dienst der Gemeinde Wien (womit die Echtweltexistenz des 40-Jährigen hinlänglich beschrieben wäre), ihnen nicht auch noch diese Freude machen.
Außerdem funktioniert das mit den Klischees nach - höchstens - zehn Minuten ohnehin nicht mehr: Gut, da sitzt also einer, der seit 17 Jahren nichts lieber tut, als verkleidet (als Ritter, als Elf, als Waldläufer) und mit (Schaumgummi-) Hieb- und -Stichwaffen durch Wälder und Ruinen zu hirschen - und das mit bis zu zweihundert als Trolle, Magier, Drachen, Bauern, Helden, Burgfräulein oder Ritter verkleideten Gleichgesinnten. Der da minutiös ausgetüftelte Storylines nachspielt - und das mitunter tagelang, ja auch bei Regen, Kälte und Schnee.
Zillinger lächelt höflich und geduldig - und wartet, bis es beim Zuhörer klingelt. Andere Menschen haben auch seltsame Hobbys: Autos aufmotzen etwa. Oder Marathon laufen. Oder Weinseminare besuchen. Aber weil nur knapp 600 Menschen in Österreich als Hardcore-Liferollenspieler gelten, ist es einfach, über Peter Zillinger zu lächeln.
Aber Spott war immer schon die Zierde der Ignoranten. Dabei ist Zillinger Teil einer seit Jahren boomenden, elaborierten und hoch entwickelten Szene: Larp-Spieler (das Kürzel steht für Live Action Role Play) gibt es überall. Über 60.000 in Deutschland. Noch mehr in Großbritannien. Oder den USA. Und Einfach-nur-Verkleiden-und-mit-Schwertern-Herumfuchteln ist die Larperei auch nicht: Manchmal - wenn auch seltener - werden authentisch-historische Ereignisse nachgespielt (etwa US-Bürgerkriegsszenen). Meist aber inszeniert und erfindet man Abenteuer. Besonders beliebt: das Mittelalter (meist mit Fantasy-Einsprengseln).
| Das ist eine unheimlich spannende Art, Geschichte zu lernen: Um authentisch spielen zu können, muss man sich einlesen. Das geht von Rüstungen über die Speisen bis zu Tänzen und Sitten, schwärmt Zillinger. Und von Realitätsüberdruss oder Gegenwartsflucht sei keine Rede: Je mehr ich über die Vergangenheit weiß, umso glücklicher bin ich, hier und heute leben zu können.
Und zu spielen: Wenn der nichts ahnende Wandersmensch (der Gegenwart), der im Wald plötzlich auf seltsame Gesellen stieß, glaubt, versehentlich in ein Filmsetting hineinspaziert zu sein, freut das Zillinger. Schließlich arbeitet der jeweilige Spielleiter für jedes Treffen eine Art Drehbuch aus und weiht dann eine Hand voll Spieler in die genaue Planung ein. Und an denen - und der Improvisationsgabe des Leiters während des Spieles - liegt es, die (uneingeweihten) Spieler so einzubinden, anzuagitieren und zu lenken, dass das Stegreiftheater von, für und mit Gleichgesinnten nicht ins Stocken oder in eine falsche Richtung gerät.
Aber ganz so einfach, dass man sich in irgendein Rittergewand presst und mit der (Schaumgummi-)Streitaxt wild um sich schlägt, ist Larp-Spielen nicht: Natürlich könne man in den - immer selbst ausgesuchten und selbst entwickelten - Charakteren Träume, Ängste und Sehnsüchte ausleben, erklärt Zillinger. Aber man muss sich mit der Rolle identifizieren können, sonst funktioniert es für die anderen nicht, und einem selbst macht es keinen Spaß - das Spiel kann mitunter geradezu Selbsterfahrungscharakter haben. Mit allen Vor- und Nachteilen. Umso wichtiger sei es, die Trennlinie zwischen Spiel und Echtwelt nie aus den Augen zu verlieren: Ohne soziales Verantwortungsgefühl geht nichts. Ein guter Spieler weiß, dass er gleich nach dem Sieg über den Drachen eine Auszeit nimmt - und den Freund, der den Drachen spielt, fragt, ob es ihm eh gut geht - erst dann geht es weiter.
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